Subscribe to our Channel
Folge uns auf Instagram. Hier klicken

FASHIONPAPER – das Magazin für Fashion, Beauty und Lifestyle

FASHIONPAPER – das Magazin für Fashion, Beauty und Lifestyle

„Es ist alles möglich“ – Patrick Sass zwischen Kässpätzle, Kommissarbauch und „House of the Dragon“

Photo: zVg Patrick Sass, Daniel Dornhöfer

People

„Es ist alles möglich“ – Patrick Sass zwischen Kässpätzle, Kommissarbauch und „House of the Dragon“

Wenn Patrick Sass von seinem Beruf spricht, klingt es weniger nach Industrie und Kalkül als nach Berufung und ein bisschen nach kindlichem Staunen. Er sitzt da, erinnert sich an seine erste Gage als Schauspieler und lacht.

„Das waren 850 Euro“, sagt er. „Eine ganz kleine Gage. Aber das war das erste Mal, dass ich mit Schauspiel wirklich Geld verdient habe und das war für mich faszinierend, ein ganz besonderes Gefühl.“

Es ist dieser Moment, in dem ihm klar wird, das mit der Schauspielerei ist nicht nur ein Traum, den man neben Nebenjobs am Leben hält. Es ist ein Beruf – seiner. „Natürlich fragt man sich am Anfang: Funktioniert das? Alle sagen dir ja: Du wirst dein Leben lang Nebenjobs machen müssen, es sei denn, du hast den Durchbruch. Aber irgendwann war ich fest davon überzeugt, dass es definitiv funktionieren wird. Egal wie, aber es wird klappen.“

Heute ist Patrick Sass längst über die Komparsen-Phase hinaus. Er dreht in Deutschland, inszeniert eigene Filme – und steht für ein globales Fantasy-Franchise wie „House of the Dragon“ vor der Kamera. Und trotzdem beschreibt er seinen Antrieb erstaunlich schlicht: „Mein Ziel ist es, die Leute zu unterhalten. Ich will ja nicht die Millionen verdienen, ich möchte, dass die Leute glücklich im Kino sitzen.“
Kurze Pause. Dann grinst er: „Aber beides wäre auch gut. Im Idealfall.“

Zwischen Trailer und Teamküche
Sass kennt beide Welten: das kleine, eingespielte Filmteam – und die gigantische Maschinerie internationaler Produktionen. „Bei grossen internationalen Sachen hast du einfach mehr von allem“, erzählt er. „Mehr Assistenten, grössere Sets, deinen eigenen Trailer. Gerade im englischsprachigen Raum oder in den USA ist einfach alles grösser. Jeder Assistent hat noch mal einen Assistenten.“

Am Ende, sagt er, ist der Ablauf am Set trotzdem erstaunlich ähnlich – ob Low-Budget-Film oder Multimillionen-Projekt. Kamera, Ton, Text, Konzentration. Nur das Geld ändert die Dimensionen.

Und trotzdem, ausgerechnet der, der inzwischen selbst in dieser grossen Welt mitspielt, liebt das Kleine:„Ich bin ja auch Regisseur und Produzent, ich produziere selbst. Und ich finde die familiären, kleineren Produktionen tatsächlich schöner. Ein kleines, eingespieltes Team, ein Kameramann, dem ich seit Jahren zu hundert Prozent vertrauen kann – das ist Gold wert. Du hast immer Zeitdruck, aber du kannst Dinge ganz anders angehen als bei einem Projekt, bei dem du Verantwortung für sieben, acht, neun Millionen Euro trägst und für 50 oder 60 Leute.“

Bei eigenen Projekten stellt er sich das Team selbst zusammen, bewusst. Menschen mit Star-Allüren haben da wenig Chancen. „Ich mag das nicht, wenn Leute die Nase oben haben und denken, sie sind etwas Besseres. Ganz ehrlich: Wir kommen alle nackt auf die Welt und gehen alle wieder nackt. Da machen drei Nullen mehr auf dem Konto niemanden zu einem besseren Menschen.“

Method Actor mit Kässpätzle-Diät
Man merkt schnell: Für Sass ist Schauspiel kein Hobby, keine Pose. Es ist Handwerk, Lebensform, manchmal auch körperliche Tortur. Für einen Krimi im Hamburger Raum, in dem er den ermittelnden Kommissar Vollmer spielt, musste er in kürzester Zeit massiv zulegen. „Ich musste 15 Kilo zunehmen – innerhalb eines Monats“, sagt er. „Mit viel Kässpätzle.“

Er erzählt das, als wäre es ein etwas verrücktes Experiment gewesen, das nebenbei noch riesigen Spaß gemacht hat. „Ich habe mir 19 Tage lang jeden Tag Kässpätzle gemacht. Dazu Bart wachsen lassen, Haare wachsen lassen – ich war ein richtiger eingesessener Kommissar, sehr trottelig, sehr in sich eingesackt. Körperlich war das extrem fordernd.“

Das Abnehmen danach? Kein Problem, meint er. Sport, wenig Essen, Routine. „Das Zunehmen war tatsächlich schwieriger. Aber es hat geschmeckt“, sagt er und lacht.

Es passt ins Bild: Patrick Sass geht für seine Rollen weit. Nicht nur auf der Waage. Er arbeitet mit Method Acting und meint das ernst. „Ich versuche wirklich, in die Rolle einzutauchen. Ich lasse mich in den Pausen mit dem Rollennamen ansprechen, damit ich mit dem Kopf drin bleibe. Man nennt es zwar ‚Spiel‘, aber ich will ja so überzeugen, dass ich es in dem Moment lebe.“

Sein Anspruch: Der Zuschauer soll im Kino sitzen und denken: Der lebt das gerade. Das ist echt. „Du darfst die Rolle nicht spielen, du musst sie leben. Erst dann erweckst du den Charakter wirklich zum Leben – und dann macht es auch richtig Spass.“

Figuren, die bleiben – und Wunden, die schmerzen
Zu den Figuren, die ihm am nächsten sind, gehört ausgerechnet eine historische: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Mann, der das Attentat auf Hitler plante. „Den habe ich einmal gespielt, im Zweiten Weltkrieg. Ich habe davor immer gesagt: Irgendwann möchte ich unbedingt mal den Graf Schenk von Stauffenberg spielen. Drei Jahre später kam die Anfrage.“

Für Sass war es mehr als eine Rolle, fast so etwas wie eine Charakter-Spiegelung. „Das ist ein starker Charakter, einer, der im Widerstand ist, aber für etwas Positives kämpft. Ich fühle mich selbst oft als jemand, der innerlich gegen das Böse kämpft. Das hat mich sehr angesprochen.“

Das andere Extrem: ein römischer Stadthalter in einem Drama, der seine eigene Tochter ohrfeigt. „Ich könnte niemals eine Frau oder ein Kind schlagen, um Gottes Willen, niemals“, sagt er. „Aber für die Szene musste ich es tun, und zwar wirklich. Sie wollte das fürs Spiel so haben, alles war abgesprochen – aber mir hat das so leid getan. Ich hatte tagelang ein schlechtes Gewissen.“

Er trennt klar zwischen sich und der Rolle – und doch hinterlassen solche Szenen Spuren. „Ich konnte mich mit dieser Figur fast gar nicht identifizieren. Die Aggressionen musste ich reinpacken, das hat funktioniert – aber ich wusste die ganze Zeit: Das bin nicht ich.“

„House of the Dragon“ und die Kunst, ein Leben zu bauen
Wenn Sass über „House of the Dragon“ spricht, klingt er weder abgeklärt noch angeberisch. Eher wie jemand, der sich freut, dass ein Jugendtraum eine neue Dimension bekommen hat. Seine Vorbereitung auf Figuren, ob im Fantasy-Universum oder im historischen Drama, ist minutiös. Er bekommt eine Rolle, einen Text, eine Grundfigur. Und dann fängt sein eigentliches Arbeiten erst an.

„Ich erstelle mir ein komplettes Raster: Wie ist die Person aufgewachsen? Was hatten die Eltern für einen Charakter? Hat die Person vielleicht eine Lebensmittelunverträglichkeit? Schläft sie gut, schläft sie schlecht, hat sie Albträume und wenn ja, welche und warum?“

Was trivial klingt, Allergien, Schlaf, Albträume, ist für Sass Bausteinarbeit. „Jede Kleinigkeit formt den Charakter. Am Ende hast du eine vollendete Figur, die du wirklich umsetzen kannst.“

Dass ihn solche Rollen im Alltag „übernehmen“, verneint er – aber Spuren hinterlassen sie schon. „Teilweise beeinflusst es mich, klar. Method Acting bedeutet, dass du viel Zeit in der Figur verbringst. Aber ich unterscheide sehr deutlich zwischen mir, Patrick, und der Rolle. Ich stehe dann nicht im Supermarkt und bin plötzlich böse.“

Afghanistan, Grosseltern, Küche: Die unsichtbaren Kapitel
Wer Sass wirklich verstehen will, muss dorthin schauen, wo keine Kamera läuft. Da ist zum einen seine Zeit in Afghanistan, wo er im Staatsdienst gearbeitet hat, drei Jahre, die ihn bis heute prägen. „Ich habe eine ganz andere Sicht auf das Leben bekommen“, sagt er. „Du siehst Menschen, denen es wirklich schlecht geht, die in wahnsinnig harten Situationen aufwachsen. Danach respektierst du das Leben insgesamt mehr – und du hast automatisch weniger Respekt vor Leuten, die denken, sie wären etwas Besseres, nur weil sie Geld oder Status haben.“

Und dann sind da seine Grosseltern, bei denen er grösstenteils aufgewachsen ist, Menschen, die ihm Respekt, Werte und eine ziemlich spezielle Form der Meditation mitgegeben haben:

Kochen.

„Für mich ist es Meditation, wenn ich sechs Stunden in der Küche stehe und etwas Wunderbares zaubere“, sagt er. „Das habe ich von meinen Grosseltern. Die haben mir das Kochen beigebracht – und wie man sich Menschen gegenüber verhält.“

Wenn die Kameras aus sind, der Applaus verstummt ist, dann ist Patrick Sass oft genau dort zu finden: in Jogginghose, am Herd. „Zu Hause ziehe ich mir eine Jogginghose an und koche einfach. Ganz entspannt. Das bin ich.“

Radikal positiv
Vielleicht das Überraschendste an Sass ist nicht der internationale Serien-Job, nicht die Kriegs- oder Fantasy-Rollen, nicht die Preise – sondern seine kompromisslose, fast radikale Lebensphilosophie. „Ich habe eigentlich nie Angst. Nicht einmal vor dem Tod“, sagt er. „Ich bin eher gespannt, was danach kommt.“ Klingt flapsig, wirkt bei ihm aber nicht so. Es ist die logische Fortsetzung einer Grundhaltung, die er sich tief eingeprägt hat: „Ich wurde so erzogen, dass alles möglich ist, wenn du es wirklich willst – und dass du niemals den Glauben an dich selbst verlieren darfst. Es gibt keine Sackgassen, immer einen Plan B, immer einen Plan C. Nichts im Leben passiert ohne Grund.“

Dann erzählt er sein Lieblingsbeispiel: das mit dem Fahrrad und dem Ast.

„Stell dir vor, du fährst mit dem Rad, stürzt über einen Ast und schlägst dir das Bein auf. Die meisten würden sich aufregen. Ich würde sagen: Danke. Weil vielleicht wäre da vorne ein Lkw gekommen, der mich plattgefahren hätte. Danke für den Ast.“ Es klingt esoterisch, ist für ihn aber vor allem eine Entscheidung: Er will das Gute sehen. Immer. Stau? Vielleicht der Unfall, den man dadurch vermeidet. Verpasster Termin? Vielleicht eine Katastrophe, der man so ausweicht. „Wenn irgendwas nicht klappt, dann hat es einen Grund. Man muss nur lernen, ihn nicht immer sofort zu verstehen zu wollen.“

Preise, Träume und ein Kinderheim
Wer so denkt, formuliert auch seine Träume anders. Sass erzählt, wie er ganz am Anfang seiner Karriere, lange bevor die ersten grossen Rollen kamen, einen fast grössenwahnsinnig wirkenden Wunsch hatte: „Ich habe mir gesagt: Irgendwann will ich einen Preis holen als bester Schauspieler international. Das ist so ein Traum, den viele Schauspieler haben.“ Heute hat er genau das geschafft, nicht einmal, sondern mehrfach. „Ich habe inzwischen acht internationale Auszeichnungen als bester Schauspieler bekommen. Hintereinander. Und irgendwann dachte ich: Okay, was soll jetzt noch kommen? Was ist der nächste Traum?“

Die Antwort darauf führt weg vom roten Teppich und hin zu etwas, das mit Geld, aber noch mehr mit Haltung zu tun hat. „Wenn irgendwann das grosse Geld kommt, würde ich unheimlich gerne ein Kinderheim eröffnen“, sagt er. „Kinder liegen mir extrem am Herzen. Ich mache jetzt schon viel Gemeinnütziges, aber ich würde gerne noch mehr tun, Menschen helfen, sie positiv stimmen. Ich erfreue mich an der Freude anderer, wenn es ihnen gut geht, geht es mir gut.“

Kein Zurückspulen
Bereuen? Fehlanzeige. „Ich würde nichts anders machen“, sagt Sass. „Egal, was ich gemacht habe, es war immer der richtige Weg. Wenn du eine Sache in der Vergangenheit änderst, beeinflusst du alles, was danach kommt. Vielleicht würden wir dann heute gar nicht hier sitzen und dieses Interview führen.“

Es ist eine simple, fast stoische Logik – aber sie passt zu jemandem, der mit der gleichen Ruhe über den Tod spricht wie über Kässpätzle.

Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der in einem gigantischen Fantasy-Universum mitspielt, aber seine eigentliche Magie woanders findet: in einem Topf auf dem Herd, in den Werten seiner Grosseltern, in der Überzeugung, dass alles möglich ist, wenn man es sich wirklich in den Kopf setzt und nicht loslässt.

Und wenn Patrick Sass sagt: „Film ist Magie“, dann klingt das nicht nach PR-Floskel.
Sondern nach jemandem, der sie gesehen hat, von der kleinen Low-Budget-Familie am Set bis zum eigenen Trailer im Schatten eines Drachen.

Ramona Bonbizin ist die Gründerin des Magazines Fashionpaper.

More in People

To Top