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Martin Amann: Gastgeber aus Leidenschaft im Wellnesshotel Hirschen Horn am Bodensee
Am westlichen Bodensee auf der Halbinsel Höri entfaltet das Hotel Hirschen Horn ein besonderes Inselgefühl: stilvolle Suiten, Spa und Genuss treffen auf Wasser, Natur und weite Ausblicke. Seit über 200 Jahren familiengeführt, hat Gastgeberfamilie Amann das Refugium mit feiner Hand zu einem exklusiven Rückzugsort weiterentwickelt – herzlich, ruhig und ideal zum Ankommen und Wohlfühlen.
Wir haben Martin Amann, Gastgeber & Co-Geschäftsführer des Hotel Hirschen Horn exklusiv zum Interview getroffen.
Wenn Sie an den Hirschen Ihrer Kindheit denken – welcher Geruch, welches Geräusch, welches Bild taucht als Erstes auf?
Wenn der Duft aus frisch Frittiertem durch unser ganzes Gasthaus zog, wusste ich als Kind sofort: Oma Anna steht in der Küche. Dieser Geruch bedeutete für mich Geborgenheit, Familie und die Vorfreude auf etwas ganz Leckeres.
Ich sehe sie noch heute vor mir, wie sie mit geübten Händen die Bällchen formte, und ich konnte es kaum erwarten, bis sie endlich goldbraun auf dem Tisch standen. Für mich sind sie bis heute meine absolute Leibspeise. Und ich bin damit nicht allein – in unserer Familie haben sie längst Kultstatus, und auch unsere Gäste fragen immer wieder begeistert danach.
Vielleicht macht gerade ihre Seltenheit sie so besonders: Die Kartoffelbällchen stehen nur ab und zu auf unserer Speisekarte. Und genau deshalb bleiben sie etwas Einzigartiges – ein Stück gelebte Tradition.
Wer dieses kleine Stück Familiengeschichte selbst erleben möchte, dem empfehlen wir einen Blick auf unsere Website. Dort teilen wir das Rezept – und damit ein Stück von Omas Liebe zur Küche.
War Ihnen früh klar, dass dieses Haus einmal Ihr Leben prägen würde – oder haben Sie lange versucht, sich davon zu lösen?
Im Gasthaus Hirschen Horn aufzuwachsen war für mich etwas ganz Besonderes. Schon als Kind war ich mitten im Geschehen – zwischen Küche, Gasthaus und dem lebendigen Treiben unserer Gäste. Ich durfte früh erleben, was echte Gastfreundschaft bedeutet, wie viel Herzblut in diesem Haus steckt und wie eng Familie und Betrieb miteinander verbunden sind.
Nach der Schulzeit wollte ich dennoch meinen Horizont erweitern und habe eine Ausbildung im Maschinenbau gemacht. Dadurch war ich viel unterwegs und habe die weite Welt kennengelernt – eine prägende Zeit, die mir neue Perspektiven und wertvolle Erfahrungen geschenkt hat.
Doch der Hirschen war immer mehr als nur mein Elternhaus. Es ist meine Heimat. Deshalb habe ich mich entschieden zurückzukehren und meinen Betriebswirt zu absolvieren, um Verantwortung im Familienunternehmen zu übernehmen.
Heute darf ich das verbinden, was mich wirklich glücklich macht: Mein technisches Verständnis bringe ich bei unseren Bauvorhaben ein, meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse im Hotel- und Personalmanagement – und ich arbeite gemeinsam mit meiner Familie an dem Ort, an dem ich geboren wurde. Das erfüllt mich jeden Tag aufs Neue.
In einem Familienbetrieb verschwimmen Rollen. Wann sind Sie Sohn, wann Unternehmer – und wann einfach nur Martin Amann?
In einem Familienunternehmen sind die Rollen nie strikt getrennt – und vielleicht ist genau das die Stärke. Unternehmer sein bedeutet Verantwortung. Sohn sein bedeutet Vertrauen und Herkunft. Martin zu sein bedeutet für mich, beides anzunehmen – ohne mich darin zu verlieren. Die Klarheit entsteht nicht durch Trennung, sondern durch innere Haltung.
Gastgeber zu sein bedeutet, Nähe zuzulassen. Wo ziehen Sie persönlich Grenzen, um bei sich zu bleiben?
Gastgeber zu sein heißt für mich, Menschen wirklich zu sehen, zuzuhören und ihnen ein Stück Zuhause auf Zeit zu schenken. Es ist für mich tatsächlich das Schönste, Gastgeber zu sein – weil ich Begegnungen schaffen darf, Erinnerungen begleite und miterlebe, wie sich Menschen bei uns wohlfühlen. Diese Nähe ist etwas Wunderschönes – aber sie braucht auch ein gesundes Gleichgewicht.
Meine Grenze ziehe ich bewusst im Inneren: Ich nehme vieles wahr, aber nicht alles mit nach Hause. Mit den Jahren habe ich gelernt, Situationen im Hotel zu lassen und mir kleine Rituale zu schaffen, um gedanklich abzuschalten. Besonders die Natur hilft mir dabei. Ein Spaziergang am Bodensee, der Blick aufs Wasser oder einfach die Ruhe draußen geben mir Klarheit und neue Energie. Für mich ist der Bodensee zu jeder Jahreszeit ein Kraftort – ob im warmen Sommerlicht oder an einem stillen, nebligen Wintermorgen.
Nicht umsonst haben auch viele Künstler wie Otto Dix, Max Ackermann oder Hermann Hesse die Halbinsel Höri als Rückzugsort geschätzt. Diese besondere Landschaft strahlt eine Kraft und Weite aus, die inspiriert und zugleich erdet.
Diese Momente erinnern mich daran, wer ich bin – nicht nur als Gastgeber, sondern als Mensch. Und genau aus dieser inneren Ruhe heraus kann ich unseren Gästen wieder offen, herzlich und authentisch begegnen.
Wann fühlen Sie sich selbst luxuriös – ganz unabhängig von Orten oder Besitz?
Luxus ist für mich Zeit. Zeit für meine Familie, für unsere Gäste, für Freunde, für echte Begegnungen und für die Natur. Wenn wir gemeinsam lachen, Gespräche ohne Blick auf die Uhr führen oder zusammen am Bodensee die Stille genießen, dann fühle ich mich reich beschenkt. Auch wenn ich spüre, dass sich unsere Gäste bei uns willkommen und angekommen fühlen, erfüllt mich das mit tiefer Dankbarkeit.
Das Bewusstsein, genau am richtigen Ort zu sein – im Kreis meiner Familie und Freunde, im Austausch mit wunderbaren Menschen und im Einklang mit mir selbst – ist für mich der grösste Luxus.
Gab es Entscheidungen, bei denen Sie nachts wach lagen? Und was hat Ihnen in diesen Momenten wirklich geholfen?
Selbstverständlich gab es Nächte, in denen ich wach lag. Gerade in den letzten Jahren, als sich unser Gasthaus zu einem Wellnesshotel weiterentwickelt hat, habe ich viele Bauvorhaben begleitet und weitreichende Entscheidungen mitgetragen. Dabei trägt man nicht nur wirtschaftliche Verantwortung, sondern auch Verantwortung für die eigene Familie, für unser PlatzHirsche-Team und für die Gäste, die uns ihr Vertrauen schenken. Das spürt man – und manchmal nimmt man es auch mit in die Nacht.
Was mir in diesen Momenten wirklich geholfen hat, sind die Menschen an meiner Seite. Zu wissen, dass wir als Familie und als Team zusammenstehen und alle an einem Strang ziehen, gibt unglaublich viel Kraft. Man ist nie allein mit einer Entscheidung.
Und dann ist da noch der Ort selbst. Unser familiengeführtes Wellnesshotel am Bodensee liegt direkt neben der Kirche. Früher sagte man, Kirchen würden auf Kraftorten gebaut – und ich glaube, das spürt man hier tatsächlich. Diese besondere Ruhe, die Nähe zum Bodensee, die gewachsene Geschichte unseres Hauses – all das erdet und gibt Vertrauen. Nicht nur uns, sondern auch unseren Gästen.
Am Ende helfen Gemeinschaft, Vertrauen und dieser besondere Ort, die Gedanken wieder zur Ruhe kommen zu lassen.
Woran merken Sie, dass etwas gelungen ist – nicht wirtschaftlich, sondern menschlich?
Ich merke es an unseren Stammgästen. Wenn sie anreisen, kurz innehalten, tief durchatmen und sagen: „Jetzt sind wir wieder zu Hause“, dann weiß ich, dass wir etwas richtig gemacht haben. Dieses Gefühl von Ankommen, von Vertrautheit und echter Herzlichkeit ist für mich der schönste Beweis dafür, dass etwas gelungen ist.
Unsere Gäste spiegeln uns immer wieder, dass es nicht selbstverständlich ist, an einem so besonderen Ort leben und arbeiten zu dürfen. Viele spüren die besondere Kraft dieses Hauses.
Ein Haus mit Geschichte macht die Zeit spürbar. Hat das Ihren Blick auf Erfolg, Alter oder Vergänglichkeit verändert?
Ja, absolut. In einem Haus mit Geschichte zu leben und zu arbeiten, erweitert den Blick auf das Wesentliche. Man spürt jeden Tag, Teil eines größeren Ganzen zu sein – ein neues Kapitel in einer langen, lebendigen Erzählung. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und mit dem schönen Gefühl, etwas Sinnvolles weiterführen zu dürfen.
Erfolg bedeutet für mich deshalb nicht kurzfristiges Denken, sondern nachhaltiges Gestalten. Es geht darum, Bewährtes zu erhalten und gleichzeitig mit Feingefühl weiterzuentwickeln. Spuren zu hinterlassen, die auf starken Wurzeln aufbauen. Verantwortung zu übernehmen – mit Freude am Heute und Vertrauen in das Morgen.
Auch Alter und Veränderung sehe ich als etwas Wertvolles. Wie die Jahreszeiten am Bodensee zeigt unser Haus, dass Entwicklung ganz natürlich dazugehört. Es geht nicht darum, die Zeit festzuhalten, sondern sie bewusst zu gestalten – mit Respekt vor der Vergangenheit und Zuversicht für die Zukunft.
Was wissen nur sehr wenige Menschen über Sie – und was davon dürfen wir erfahren?
Wenige wissen, dass ich bewusst Momente für mich brauche. Zwischen Verantwortung und Entscheidungen suche ich Zeiten, in denen ich einfach nur beobachten darf – ohne zu organisieren. Ein früher Morgen am See ist dabei mein persönlicher Rückzugsort. Mehr verrate ich nicht – ein wenig Privates darf auch privat bleiben.
Der Bodensee ist ruhig und kraftvoll zugleich. Spiegelt er etwas von Ihrem eigenen Wesen wider?
Ich glaube schon. Der Bodensee strahlt Ruhe aus und besitzt zugleich eine große innere Kraft. Diese Balance berührt mich sehr. Nach außen wirkt er oft still und gelassen, und doch steckt in ihm Tiefe und Bewegung.
Als Gastgeber ist es mir wichtig, Ruhe und Verlässlichkeit zu vermitteln. Gleichzeitig braucht es innere Stärke und Mut, um Entscheidungen zu treffen und Neues zu gestalten.
Der See erinnert mich daran, dass genau dieses Zusammenspiel aus Sanftheit und Kraft entscheidend ist – im Leben wie im Unternehmertum.
Was möchten Sie Ihren Kindern oder der nächsten Generation einmal hinterlassen – ganz unabhängig vom Unternehmen?
Ich möchte meinen Kindern vor allem ihre Wurzeln weitergeben – ein Gefühl von Herkunft, Zugehörigkeit und innerer Stabilität. Bodenständigkeit und Dankbarkeit sind mir dabei besonders wichtig. Ich wünsche mir, dass sie ihren eigenen Weg mutig gehen, Verantwortung übernehmen und den Wert von Familie und Zusammenhalt nie aus den Augen verlieren.
Wenn Sie heute innehalten: Worauf sind Sie still, vielleicht sogar überraschend stolz?
Ich bin unglaublich stolz auf die Entwicklung unseres Unternehmens und auf das, was unsere Vorfahren über Generationen hinweg geschaffen haben. Das Hotel Hirschen Horn wird bereits in siebter Generation geführt – und wenn man sich bewusst macht, dass aus einem kleinen, feinen Gasthof ein luxuriöses Hotel gewachsen ist, erfüllt mich das mit großer Dankbarkeit.
Ein besonderer Meilenstein war für uns das Jahr 2022: 200 Jahre Hirschen Horn. In diesem Rahmen durften wir nicht nur unser Jubiläum feiern, sondern auch die Eröffnung unseres Hauses Seeblick – mit der Erweiterung unserer Wellnessoase von 350 auf 1.000 Quadratmeter. Gleichzeitig haben wir unsere Restaurantbereiche erweitert und die Zimmeranzahl vergrößert, um unseren Gästen noch mehr Raum für Genuss und Erholung zu bieten. Es war ein Moment, in dem Vergangenheit und Zukunft spürbar aufeinandertrafen.
Zu diesem Anlass hat die Bestsellerautorin Gaby Hauptmann gemeinsam mit meinem Vater Karl eine Chronik über unser Haus verfasst. Beim Lesen wurde mir noch einmal bewusst, mit wie viel Mut, Fleiß und Herzblut meine Familie dieses Unternehmen über zwei Jahrhunderte hinweg geprägt hat.
Dabei begab sich Gaby Hauptmann auf die Spuren der 13-jährigen Anna, der Großmutter von Seniorchef Karl Amann. Ihre Geschichte – ein junges Mädchen, das mit nur 13 Jahren an den Bodensee kam – ließ die Autorin nicht mehr los. Aus dieser Spurensuche entstanden die beiden Romane „Hoffnung auf eine glückliche Zukunft – Die Frauen vom See“ und „Traum vom besseren Leben – Die Frauen vom See“, die heute im Buchhandel erhältlich sind.
Es zeigt, dass unser Haus nicht nur aus Mauern und Räumen besteht, sondern aus Geschichten – und dass diese Geschichten bis heute weiterleben.
Der Hirschen steht für Zurückhaltung statt Inszenierung. War das eine bewusste Entscheidung gegen lauten Luxus – oder einfach Ausdruck Ihrer Persönlichkeit?
Wir möchten kein Ort sein, der beeindruckt, weil er laut ist. Sondern ein Haus, das berührt, weil es ehrlich ist. Zurückhaltung schafft Raum für das Wesentliche: für echte Begegnungen, für Ruhe, für Qualität bis ins Detail.
Viele Gäste suchen heute nicht mehr das Grosse, sondern das Echte. Wie übersetzt man diese Sehnsucht nach Intimität in ein Hotel, ohne sie zu verlieren?
Nähe zuzulassen und zugleich Rückzugsorte zu schaffen – darin liegt für uns die Balance. Wenn Gäste spüren, dass sie als Mensch wahrgenommen werden und nicht als Zimmernummer, entsteht Intimität ganz selbstverständlich. Genau dieses Gefühl des Gesehenwerdens macht aus einem Aufenthalt ein echtes Ankommen.
Beim Neubau und der Weiterentwicklung des Hauses ging es um mehr als Quadratmeter und Design. In welches Gefühl haben Sie am liebsten investiert?
Wir haben vor allem in ein Gefühl investiert: Wohlfühlen, Ankommen, sich zu Hause fühlen. Es ging uns darum, echte Rückzugsorte zu schaffen – Räume, in denen Menschen zur Ruhe kommen und bei sich selbst ankommen dürfen.
Unsere Lage auf der Halbinsel Höri, mit Blick auf die Insel Reichenau, die Liebesinsel und die Halbinsel Mettnau, ist dabei ein Geschenk. Dieser traumhafte Seeblick und die unmittelbare Nähe zur Natur prägen unser Haus. Bei jeder Weiterentwicklung war es uns wichtig, diese besondere Umgebung nicht nur zu bewahren, sondern sie spürbar ins Innere zu holen.
Im Spa-Bereich haben wir bewusst Ruheinseln geschaffen, das Element Wasser – inspiriert vom See – integriert und mit natürlichen Materialien gearbeitet. So entsteht eine Verbindung zwischen Innen und Außen. Unser Ziel war es nie, nur Räume zu vergrößern, sondern Gefühle zu vertiefen.
Wenn ein Gast abreist und Sie wissen: Das war Luxus – woran erkennen Sie das?
Ich erkenne es an der Ausstrahlung. Wenn ein Gast bei der Abreise ruhiger wirkt, noch einmal den Blick über den See schweifen lässt und sagt: „Wir kommen wieder“, dann war es mehr als nur ein Aufenthalt.





